1250 jeweils 30-minütige Telefoninterviews mit Antworten auf 150 Fragen: Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich (ISPMZ) legt nach ersten Ergebnissen von 2003 mit einer in Europa erstmaligen Studie nach und zeigt für die Schweiz repräsentativ auf: in Sachen Gesundheitskompetenz herrscht ein Defizit. Der Begriff «Gesundheitskompetenz» wird zwar seit kurzem auch bei uns notiert. Das Gesundheitssystem, seine Struktur und der politische Rahmen verhindern jedoch, dass gesundheitsbewusste Bürgerinnen und Bürger ihre Mitverantwortung wahrnehmen können. Mit bedeutenden Konsequenzen: die geringe Gesundheitskompetenz verursacht in der Schweiz rund 1,5 Milliarden Franken Kosten und begünstigt die Entwicklung einer 2-Klassen-Medizin, in der sozial schlechter Gestellte Nachteile erfahren.
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«Der Patient will mehr Mitsprache. Auch die Leistungserbringer wollen dem Patienten mehr Eigenverantwortung übertragen. Aber in unserem System fehlen die Anreize. Unser System ist noch nicht bereit, diese neuen Anforderungen und deren Konsequenzen zu bewältigen.» Mit diesen Worten fassteJen Wang, Senior Researcher am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich (ISPMZ), die Ergebnisse der «Future Patient»-Studie im August 2003 zusammen.
Inzwischen rückt ein neuer Begriff auch in der Schweiz ins Rampenlicht: «Gesundheitskompetenz» oder Englisch «Health Literacy». Der Begriff steht für die Fähigkeit des Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen für die Gesundheit zu treffen und entsprechend zu handeln – zu Hause, am Arbeitsplatz, im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft ganz allgemein. Oder wie es Prof. Dr. Ilona Kickbusch ausführt: «Gesundheitskompetenz stärkt die Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit in Gesundheitsfragen und verbessert die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und in Handeln umzusetzen.»
Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Als Fortsetzung und Vertiefung der Studie «The Future Patient» führte das ISPMZ im Mai dieses Jahres in der Schweiz 1250 Telefoninterviews zum Thema Gesundheitskompetenz durch. Und die ersten Ergebnisse lassen aufhorchen: 85% der Befragten möchten eine aktive Rolle in der medizinischen Entscheidungsfindung spielen. Doch nur gerade

49% konnten auch tatsächlich eine so aktive Rolle bei ihrem Hausarzt wahrnehmen, wie sie es wünschten. Ausserdem: Die Forschung zeigt immer wieder, dass Patienten eine Wahl bei Behandlungsmöglichkeiten haben möchten, doch nur ein Viertel der Befragten sagt, dass ihre Hausärzte immer verschiedene Behandlungsoptionen vorschlagen. Dies, obschon sich die Bürger/innen durchaus bewusst sind, dass Mitentscheiden nicht einfach ist: Rund 60% der Befragten beurteilen die Wahl einer Behandlung oder eines Medikamentes als mittel- bis hochkomplex.

In gewissen Bereichen dürfen und müssen Bürger/innen ohnehin wählen: sei es eine Krankenkasse oder einen Hausarzt. Fast alle Befragten wollen die freie Wahl auch, da sie aus ihrer Sicht das Vertrauen stärkt. Aber auch hier zeigt sich: Nur die Hälfte meint, sie hätte genügend Information, um die für sie richtige Krankenversicherung oder den richtigen Hausarzt zu wählen.

Eine zentrale Rolle bei der Informationssuche spielen Medien: Von den fünf meistgenannten Quellen für Gesundheitsinformationen gehören drei zum Bereich Medien. Das Internet ist dabei nach dem Hausarzt zur drittwichtigsten Quelle für Gesundheitsinformationen geworden. Allerdings führt das bisherige Angebot nicht notwendig zu einem besseren Verstehen: Nur gerade 26% geben an, dass die Informationen in den Medien einfach verständlich sind.
1,5 Mrd. Franken Kosten wegen geringer Gesundheitskompetenz
Welche Bedeutung dem Thema Gesundheitskompetenz zukommt, zeigen auch andere Quellen auf: In einem Konzeptpapier im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) rechnet das Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien BASS in Bern vor, dass die mangelnde Gesundheitskompetenz für rund 3% der Gesundheitsausgaben verantwortlich ist. Gemäss BASS sind dies rund 1,5 Milliarden Franken. Die fehlende Gesundheitskompetenz wirke sich – so das BASS-Konzeptpapier – auf alle Zielbereiche der Krankenversicherung aus: Die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken werde aufgeweicht, weil nicht kompetente Personen häufiger krank seien. Dies führe letztlich zu einer Entsolidarisierung zwischen Reich und Arm.
«Wir nehmen unsere Verantwortung wahr.»

Bereits mit der «Future Patient»-Studie aus dem Jahr 2003 wurde deutlich, dass bei Leistungserbringern und Akteuren im schweizerischen Gesundheitssystem offensichtliche Diskrepanzen bestehen: Die Leistungserbringer sind sich zwar bewusst, dass der Patient von morgen mehr Mitverantwortung tragen wolle. Sie trauen ihm aber nicht zu, dass er auch tatsächlich seine Eigenverantwortung übernimmt.

Wie die neue Studie nun aber aufzeigt, haben die Bürger ein grosses Interesse und wollen ihre Gesundheit in die eigenen Hände nehmen: Prävention geniesst eine sehr hohe Priorität, und die grosse Mehrheit tut bereits etwas für ihre Gesundheit: 86% mit regelmässiger Bewegung und 86% mit gesunder Ernährung. Zudem geben 82% der Befragten an, dass sie kleinere Beschwerden oft selber behandeln, und 68% sind sehr interessiert, mehr Eigenbehandlung zu praktizieren. Diese Aktivitäten haben Konsequenzen: 64% der Befragten konnten in den letzten 12 Monaten einen Arztbesuch vermeiden.
Übernehmen auch die Entscheidungsträger ihre Verantwortung?
Die Studienergebnisse bilden nicht nur die Kompetenzen und Wünsche der Bürger/innen ab, sondern verweisen auch auf die Lücken. Etwa die mangelnden gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die für eine hohe Gesundheitskompetenz nötig wären. Deshalb stellen sich letztlich auch zentrale Fragen zum Kontext: Wie kann die Gesundheitskompetenz gefördert werden? Ist dies Aufgabe des Bundes, der Kantone, einer zu schaffenden Behörde, der Medien, der Industrie, der Krankenversicherungen, der Patientenorganisationen? Und: Die Grenze zwischen gesund und krank löst sich allmählich auf. Ist ein Mensch mit einem diagnostizierten primären Herzinfarktrisiko noch gesund oder schon krank? Gehört zur Gesundheitskompetenz auch, dass sich Menschen über mögliche Risiken bewusst werden, in Eigenverantwortung ein Risiko abklären und dadurch eine Krankheit verhindern oder aber bei richtiger Therapierung eine Verschlimmerung der Krankheit verhindern können?
Die ersten präsentierten Daten des ISPMZ zeigen: Der vor zwei Jahren prognostizierte Patient der Zukunft ist bereits Realität geworden. Der Paradigmenwechsel hat eingesetzt. Gesundheitskompetenz ist ein echtes Bedürfnis in einer modernen Informationsgesellschaft. Die grosse Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, auf welche die ersten Ergebnisse hinweisen, ist problematisch. Politiker, Behörden, private Stakeholder wie Versicherer, aber auch die Medien sind deshalb gefordert, zu reagieren.
Die Aussage von Jen Wang über den Patienten der Zukunft anlässlich der Medienkonferenz im August 2003 hat deshalb mit Blick auf die jüngsten Umfrageergebnisse und Konzepte an Aktualität gewonnen: «Die Bürger sind bereit, Lösungen zu suchen und auch bei ihrem Einsatz mitzuwirken. Dafür sollen sie aber besser informiert, ihre Meinungen und Stimmen in Diskussionen eingebunden werden.»